Leseprobe
Den Abend nicht vor dem Morgen loben

 

Wenn Du am Morgen aufwachst, dann weißt Du nicht, dass die kommenden Stunden Dein gesamtes Leben verändern und nichts mehr von dem übrigbleiben wird, was dein Sein und deine Gegenwart ausmachen.

 

Als ich am Ostermontag 2016 gegen 12 Uhr mittags mit zugedröhntem Kopf erwacht bin, schrie der ganze Körper erst mal nach Essen und Kaffee. Mein Kumpel Hans war unterwegs und sein Kühlschrank leer. Deshalb bin ich raus auf den Kollwitz-Platz am Berliner Prenzlauer Berg, um mir ein stärkendes Mittagessen zu genehmigen.

 

Ich war seit Karfreitag in der Stadt und habe durchgängig auf verschiedenen Partys gefeiert, weil ich aus dem Frankfurter Mief und der dortigen Situation raus wollte, um nicht verrückt zu werden. Ich hatte mich zuvor mit meinem Freund Jose gestritten. Es war nicht das erste Mal. Aber an diesem Wochenende explodierten alle aufgestauten Ängste und Ärgernisse unserer zweieinhalbjährigen Beziehung. Ich war es leid, von ihm emotional missbraucht zu werden. Ich wollte nicht mehr die Welt erklärt bekommen von jemandem, der sie nie bereist hatte. Aber das Schlimmste und der eigentliche Grund unserer Auseinandersetzung war, dass Jose sich weigerte, eine adäquate Depressionstherapie zu machen, obwohl er alle Möglichkeiten dazu hatte. Er war in Behandlung und erzählte seinem Therapeuten nichts als Lügen, Märchen und Ausreden. Kam er von einer Sitzung nach Hause, lachte er sich schlapp, weil er dem Psychologen denselben Bären aufgebunden hatte, den er schon seit Wochen immer wieder neu und doch gleich erfand. Für mich war das zum Kotzen, weil ich Angst um ihn hatte und ich mir den Arsch aufgerissen hatte, damit er schnellstmöglich eine Therapie beginnen konnte. Ich hatte ihm sogar meine eigenen Psychotherapiestunden abgetreten.

 

Jose kam aus einer Familie, in der schwere Depressionen schon von den Großeltern weitergegeben wurden. Seine Mutter hatte zwei Suizidversuche hinter sich. Sie lebte jahrzehntelang mit Antidepressiva, die sie am Leben erhielten. In der Wohnung wurde seit vielen Jahren darauf geachtet, dass nichts zugänglich war, mit dem sie sich das Leben nehmen könnte. Dieser familiäre Hintergrund war Jose egal. Seine Standardsätze „Ach Schatz, so alt will ich gar nicht werden“ und „Ich habe die Suizidgedanken, seit ich 16 Jahre alt bin. Bisher ist immer alles gut gegangen“, raubten mir den Schlaf und versetzten mich in Todesangst. Der Fahrstuhl seiner Psyche ging vollkommen überraschend wieder einmal viele Stockwerke hinab in die Hölle, weil er seine Antidepressiva von jetzt auf gleich abgesetzt hatte.

Es war nicht das erste, sondern das dritte Mal innerhalb weniger Monate.

 

In diesen Tagen und Wochen gab es den Mann, in den ich mich so verliebt hatte, nicht mehr. Es fehlten nicht nur die menschliche Wärme, das gelöste Lachen, die hoffnungsvolle Zukunft oder das schöne Miteinander, sondern jeglicher Respekt. Mitgefühl und die Auseinandersetzung mit meinen Ängsten holte ich mir sonst wo, denn er hatte weder das eine noch das andere. Das war nicht der Mann, mit dem ich alt werden wollte. Das war nicht der Lebenspartner, dessen Augen mir einen tiefen Blick in seine Sehnsüchte ermöglichten, die ich sehr gut kannte und nachvollziehen konnte. Da war nicht mehr der Mann, der mit einer einzigen Umarmung die ganze Welt angehalten hat und mir eine Stille und einen Frieden schenkte, wie ich es nie im Leben zuvor erfahren hatte. Da war nur der Kerl, der mich in allergrößte Angst versetzte, weil ich mir nicht mehr sicher sein konnte, ob ich ihn am Abend lebend antreffen würde. Ich hatte wirklich Todesangst um ihn. Ich habe das alles nicht mehr ertragen. Ich hatte, wie jeder andere Mensch auch, eine schöne Zukunft verdient und wollte mich nicht weiter terrorisieren lassen. „Du hast vier Tage Zeit, um dich für eine stationäre Therapie zu entscheiden oder unsere Beziehung ist am Ende“, sagte ich ihm und fuhr nach Berlin, wohin ich seit vielen Jahren an Ostern immer schon gereist bin.

Meine Reise wurde von einem wüsten SMS-Sturm begleitet. Ich warnte ihn mehrmals, er möge damit aufhören. Am Ende musste ich das Handy ausschalten, um meinen Frieden zu finden.

 

Als ich es um 13 Uhr, drei Tage später, auf dem Kollwitz-Platz wieder eingeschaltet habe, erreichten mich 120, meist Sprachnachrichten. Es hat weit über eine Stunde gedauert, um alles abzuhören. Jose weinte, er lachte, er schimpfte, er tobte, er war verzweifelt, er wollte nach Berlin kommen. Er bestand darauf, mich zu heiraten, er nahm sich vor, mit mir in eine Wohnung zu ziehen, er gab vor, alles zu tun, wenn ich nur zurück zu ihm käme. Es gab keine einzige Nachricht, in der er mir mitteilte, dass er in die Klinik gehe. Er erzählte mir, dass „Sie“ sagen würden, ich wäre abgehauen, weil ich ihn von Anfang an habe sitzen lassen wollen. Mit „Sie“ meinte er seinen Ex-Freund, einen katholischen Priester und Dekan, mit dem er eine siebenjährige Beziehung geführt hatte. Er berichtete von Gesprächen mit seinem Ex, wo er sich zu diesem Zeitpunkt aufhielt und von dessen Toilette aus er zahlreiche Nachrichten an mich schickte. Für diesen beruflich verlogenen und moralisch verkommenen Heuchler war ich der personifizierte Teufel. Ich war es, den Jose eines Tages kennengelernt hatte und für den er diese versteckte Beziehung voller Enttäuschungen, Lügen und psychischer Gewalt beendet hatte. Man kann sich vorstellen, dass dieser Kerl nicht gut auf mich zu sprechen war und mich hasste, wie der Teufel das Weihwasser. Trotzdem fuhr Jose in seiner Verzweiflung zu ihm und hoffte auf Hilfe und Trost. Joses Stimmung ging hoch und runter, hin und her, er verfluchte mich, er flehte verzweifelt, er sprach von Dingen, die ich nicht zuordnen konnte, und seine Stimme wurde dabei immer leiser. Seine letzte Nachricht war: „Das ist der letzte Kuss für Dich“ gefolgt von einem Kuss und Weinen.

 

Ich hörte zu und heulte wie ein Schlosshund. Ich versuchte ihn anzurufen, doch niemand ging an das Telefon. Ich schrieb eine SMS nach der anderen und erklärte mich wieder und wieder. Ich erinnerte ihn daran, dass ich doch heute Abend zu ihm komme und wir dann in Ruhe miteinander reden würden. Ich drückte laufend auf die Statusmeldung meiner ausgehenden SMS-Nachrichten. Endlich kam die erlösende Meldung: Gesendet, Empfangen und das Wichtigste, Gelesen.

Weinend brach ich auf einer Bank zusammen und habe dem lieben Gott eine Million Mal dafür gedankt, dass nochmal alles gut gegangen ist. Ich versicherte Jose, wie abgemacht, am Abend direkt vom Zug aus zu ihm zu kommen, damit wir uns aussprechen.

Wer meine Nachrichten gelesen hat, weiß ich bis heute nicht. Jose war zu diesem Zeitpunkt seit zwei Tagen tot. Suizid.

 

Was ich in Folge psychisch und körperlich erleiden musste, lässt sich kaum in Worte fassen. Ich wurde und werde noch immer als Mörder beschimpft und ich verlor mein halbes Leben um mich herum. Der emotionalen Hölle, in der ich gefangen war, glaubte ich viele Male nur durch einen eigenen Suizid entkommen zu können. Immer wieder hörte ich, dass man mir helfen wolle und das Einzige, was ich als Antwort gefühlt und im Geiste gebrüllt habe, war: „Das kannst Du nicht!“

 

Sechs Monate weinte ich Tag und Nacht, bis an einem Donnerstagmorgen unter der Dusche eine Reise zurück ins Licht begann. Ein Psychotrip, weit in das Dunkel der Vergangenheit, hin zu meinem eigenen Suizid im Dezember 2014, dem ich durch Wiederbelebung gerade mal so entkommen war.

Eine Expedition hinaus in eine unfassbar berauschende Gegenwart und fort in eine Zukunft, die nur ein Ziel kennt: Um die Welt laufen, um Bäume der Erinnerung für Suizidopfer zu pflanzen und den Hinterbliebenen, egal wie, Trost und Kraft zu spenden.

Eine Entdeckungsreise, die von Suizidgedanken betroffenen Menschen Mut machen soll und beweist, dass es zu jeder Zeit eine Zukunft gibt, auch wenn man diese nicht mehr wahrzunehmen vermag.

Eine Reise, die zeigen soll, dass es sich immer lohnt, an sich zu glauben, der großen Bewegung, in die unser aller Leben eingebunden ist, zu vertrauen, beständig zu hoffen und für seine Ideale, Ziele und Träume zu kämpfen.

 

Zu diesem Abenteuer möchte ich Dich mitnehmen. Wenn Du unter Depressionen leidest und manchmal an den Tod denkst, mag ich Dir Hoffnung geben und Mut machen. Ich strebe an, mit meiner eigenen Geschichte und meinen Erfahrungen in Dir den Willen leben zu wollen und gesund zu werden, neu zu entfachen.

 

Ich lade Dich in mein psychisch erkältetes Leben ein.

 

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